"Handikap - na und?"

Serie: "Handikap ? na und?"

Mainzer Allgemeine Zeitung vom 10. Oktober 2007

Integration startet in der Familie
Vom Umgang mit Behinderung/AZ-Serie Teil 1

Hier werden die Trauben mit der Hand geschnitten und deswegen viele Helfer gebraucht: Der Besuch im Weingut der Familie Deutsch-Koch in Hahnheim hat für die Schüler der Nieder-Olmer Schule mit dem Förderschwerpunkt für motorische Entwicklung Tradition. Foto: Stefanie Jung 
  
VG NIEDER-OLM Behinderte Menschen sind keine unbedeutende Minderheit. In Rheinland-Pfalz gibt es etwa 426000 Betroffene. Verschiedene Wege der Integration und wie Menschen mit Behinderung in der VG Nieder-Olm leben, stellt die AZ in der Serie "Handikap - na und?" vor.

Von Stefanie Jung

"Es muss uns allen bewusst sein, dass Gesundheit ein Geschenk und keine Selbstverständlichkeit ist", wünscht Herbert Koch aus Hahnheim mehr Akzeptanz für Menschen mit Behinderungen, denn: "Jeder kann morgen durch einen Unfall in der gleichen Situation sein - und dann erwartet jeder, dass er fair behandelt wird und die entsprechende Unterstützung erhält." Der Weinbau-Ingenieur ist Vater von zwei gesunden Kindern und einer beeinträchtigten Tochter.

Das Thema Integration spielt deswegen im Leben der Winzerfamilie eine besonders große Rolle. Von Herzen wünscht Herbert Koch der heranwachsenden Tochter die Möglichkeit, positive Erfahrungen auch jenseits des stets behüteten Umfeldes sammeln zu dürfen.

Das Stichwort "Integration" wird auch im Familienalltag der Nieder-Olmer Familie Bless groß geschrieben: Schließlich sei die Integration von Menschen mit einem Handikap nicht nur für die betroffenen Familien eine Chance zu "mehr Normalität im Alltag", stellt Yvonne Bless, Mutter einer zweijährigen Tochter mit einem Down Syndrom, fest. Durch gelebte Integration erhalte auch die Umgebung eine Chance, langsam in die damit stellenden Aufgaben und Herausforderungen hineinzuwachsen.

Integration beginnt bereits von frühesten Kindesbeinen an, nämlich in der Familie. Für sehr viele betroffene Eltern ist bei Heranwachsen des Kindes auch die Integration in Regeleinrichtungen wie Spielgruppen, Kindertagesstätten oder Grundschulen sehr wichtig, und auch verstärkt möglich.

"Es kommt aber immer darauf an, welche Bedingungen ein Kind mitbringt und wie eine Einrichtung räumlich, personell und auch im Hinblick auf den wichtigen Faktor Zeit ausgestattet ist", befürwortet die Karin Jakubassa-Krämer, Fachberaterin für katholische Tageseinrichtungen für Kinder im das Referat Kindertagesstätten im Caritasverband für die Diözese Mainz, die Integration behinderter Kinder in Kindertagesstätten dann, "wenn die Voraussetzungen für alle Beteiligten stimmen".

So werden in der katholischen Kindertagesstätte "Haus der Großen-Kleinen-Leute" in Zornheim Kinder mit Beeinträchtigungen grundsätzlich gerne aufgenommen. "Es gilt jedoch ganz genau, und zwar zum Wohle des Kindes, zu prüfen, ob eine Integration in einer Regeleinrichtung tatsächlich Sinn macht", erklärt die Leiterin, Ulla Schmitz. "Solange Kinder Fortschritte machen, sind sie hier sehr gut aufgehoben", stellt sie fest. Die Regel sei dies allerdings nicht, auch das Gegenteil ist schon erlebt worden: "Wir müssen bei dem Thema Integration sehr sensibel sein. Wenn ein Kind beispielsweise in seiner Entwicklung stoppt, braucht es sehr wahrscheinlich eine Förderung, die wir aufgrund der Gruppengrößen und der Unterstützung durch nur eine Integrationshelferin leider nicht gerecht werden können."

"Wir konzentrieren uns ganz klar auf die Integration beeinträchtigter Kinder in Regeleinrichtungen", resümiert Irene Alt, Zweite Beigeordnete des Landkreises Mainz-Bingen und zuständig für den Geschäftsbereich Jugend und Soziales. So hätten bestehende Fördereinrichtungen zwar alle ihren berechtigten Stellenwert, neue hinzukommen werden jedoch keine, unterstreicht Irene Alt die zunehmende Bedeutung der Eingliederung in unserer Gesellschaft.

Lesen Sie in der nächsten Folge: Die behinderte Johanna (2) verändert das Leben ihrer Familie.

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